Immerhin ist das Ganze keine rein deutsche Angelegenheit. Die Verteilung von Organen zur Transplantation erfolgt über Eurotransplant in Leiden, eine Organisation, die sich über sieben Länder erstreckt (Benelux, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien). Wenn irgendwo im Bereich von Eurotransplant ein Spenderorgan zur Verfügung steht, wird nach folgenden Kriterien zugeordnet: korrekte Blutgruppe (eine ja/nein-Entscheidung), Größe und Gewicht des/der EmpfängerIn (das ist keine einzelne Zahl, sondern eine Spanne), Dringlichkeit und Wartezeit. Schon an dem Größe/Gewichts-Kriterium zeigt sich, dass es sich nicht um eine rein lineare Warteliste handelt. Es ist aber durchaus noch komplizierter. Auch das Herkunftsland spielt nämlich eine Rolle. Erstens könnte man für Miriam wahrscheinlich kein Herz aus Kroatien hertransportieren; da wäre die Reise zu weit. Zweitens wird berücksichtigt, dass die Menschen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich spendenfreundlich sind. In Deutschland sind sie es eher weniger, daher werden deutsche EmpfängerInnen auch nach einem etwas ungünstigeren Schlüssel bedient als solche aus etwas spendenfreundlichere Ländern. Schließlich kooperiert Eurotransplant auch noch mit ähnlichen Organisationen in Großbritannien, Frankreich und Skandinavien, falls mal etwas über sein sollte.
Die Dringlichkeitsstufe spielt in der ganzen Sache eine erhebliche Rolle. Die 2006 herztransplantierten Kinder in Deutschland standen sämtlich auf der höchsten Dringlichkeitsstufe (HU für high urgency). Mit anderen Worten: Die Aussichten, ohne diese höchste Dringlichkeitsstufe an ein neues Herz zu kommen, sind minimal. Der High-Urgency-Status muss wöchentlich neu beantragt werden, in Form eines umfangreichen Faxes (viele Seiten), das dann von Eurotransplant bestätigt werden muss.
Wenn nun ein geeignetes Herz für Miriam gefunden wird, dann hüpft ein ganzes Team von ChirurgInnen in Göttingen in den Hubschrauber und fliegt an den Ort, wo es zur Verfügung steht (bei weiteren Entfernungen muss in Kassel in ein Privatflugzeug umgestiegen werden). Nachdem das Herz entnommen wurde, geht es schnellstmöglich zurück, denn ein Herz kann außerhalb des menschlichen Körpers nur wenige Stunden funktionsfähig gehalten werden. Unter Umständen steht unmittelbar nach der Entnahme ein anderes Team von einer anderen Klinik bereit, um ein anderes Organ zu entnehmen. Das entnehmende Team entscheidet erst vor Ort endgültig, ob das Organ wirklich geeignet für den/die EmpfängerIn ist. Falls ja (in der Regel, da ja verschiedene Ausschlusskriterien bereits vorher geklärt sein sollten), bereitet ein zweites OP-Team in Göttingen Miriam schon auf die Operation vor. Das ist also ein Riesenapparat, der da beteiligt ist. Es mag einiges im Argen liegen mit unserem Gesundheitssystem, aber hier funktioniert es noch ziemlich prächtig.
Dass eine ganz normale gesetzliche Krankenkasse wie unsere überhaupt bereit und in der Lage ist, die Wahnsinnssummen zu übernehmen, die so etwas verschlingt, macht mich dankbar und wischt jeglichen eventuellen „warum ich?“-Gedanken schnell beiseite. Die meisten Menschen auf der Welt, einschließlich derer in vielen Industriestaaten, hätten mit Miriams Diagnose von vornherein keinerlei Chance. Und für viele Leute, die in eine private Krankenversicherung wechseln, um ein paar Kröten zu sparen, wäre es ebenfalls existenzbedrohend, denn die günstigen Lock-Beiträge für „Mann, gesund, 30 Jahre“ würden wohl kaum aufrecht gehalten werden können.
